"Der Geist der Gebote": Andacht zum 11. Oktober 2020

Woran sollen wir uns halten? Ob Zehn Gebote oder Corona-Regeln - entscheidend ist der Geist, der dahintersteckt. Darum geht es in der Andacht von Pfarrerin Helga von Niedner zum 18. Sonntag nach Trinitatis.

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201011 18nTr Der Geist der Gebote.mp3

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Der Geist der Gebote

Andacht zum 18. Sonntag nach Trinitatis
11. Oktober 2020

Woran sollen wir als Christinnen und Christen unser Leben und Handeln ausrichten? Die meisten werden sofort antworten: an den Zehn Geboten natürlich! Sie gelten als eine Art Grundwissen des Glaubens, man kann sie an den zehn Fingern abzählen und sie sich so besser merken. Generationen von Schulkindern und Konfirmandinnen haben sie auswendig gelernt. Jesus hat diese Zusammenfassung von Gottes Willen selbstverständlich aus dem jüdischen Glauben übernommen.

Allerdings sind die Zehn Gebote ziemlich unterschiedlich und decken auch nicht alle Bereiche des Lebens ab. Das Gebot „Du sollst nicht ehebrechen!“ ist zum Beispiel recht allgemein gehalten. Bei „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ geht es ursprünglich um die Falschaussage vor Gericht und nicht grundsätzlich darum, immer die Wahrheit zu sagen. Und die jüdische Tradition zählt sogar 613 Gebote, die alle befolgt werden sollen. An wie viele (und an welche) Gebote sollen wir uns also halten?

In Zeiten von Corona ist ja plötzlich von ganz neuen Geboten die Rede: Abstandsgebot und Hygienevorschriften bestimmen jetzt unseren Alltag – damit man sich die besser merken kann, hat jemand die drei wichtigsten Gebote „AHA-Regel“ getauft. Und bei Bedarf werden aus drei Corona-Geboten auf einmal vier – ja, es ist echt nicht einfach! Woran sollen wir uns also halten?

Diese Frage haben viele Menschen Jesus auch gestellt. Welche Gebote sind wichtig, woran sollen wir uns halten? Er hat darauf mit dem sogenannten Doppelgebot der Liebe geantwortet: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist nicht noch ein Extra-Gebot, sondern eine Art Zusammenfassung aller anderen Gebote. Das Doppelgebot der Liebe steht wie eine große Überschrift über allem, was unser Leben und Handeln prägen soll.

Entscheidend ist also der Geist, der in den Geboten steckt. Es reicht nicht, einfach einen Katalog von Regeln abzuarbeiten. Man kommt nicht drum herum, den eigenen Verstand zu gebrauchen und sich zu fragen: Was ist in dieser oder jener Situation das Richtige? Wie kann ich jetzt im Sinn der Gebote handeln? Was kann ich tun, um Gott und dem Nächsten zu dienen?

Bei den Corona-Regeln ist das ja ähnlich: das oberste Ziel ist, Ansteckung zu vermeiden. Da muss man sich immer wieder selber fragen: leiste ich dazu meinen Beitrag – oder geht es mir darum, dass ich das, was gerade erlaubt ist, möglichst gründlich ausnutze? Entscheidend ist auch hier der Geist der Gebote – auch wenn das mit Einschränkungen verbunden ist.

Woran sollen wir unser Leben und Handeln ausrichten? Die Antwort auf diese Frage ist nicht so einfach! Die Gebote der Bibel sollen uns dabei helfen, und sie sind natürlich wichtige Leitlinien für ein Leben nach Gottes Willen. Aber sie ersparen uns das Denken nicht! Wir sind selber gefragt zu überlegen und zu entscheiden: was dient Gott und dem Nächsten? Das traut Gott uns nämlich zu – unseren Verstand haben wir schließlich auch von ihm bekommen.

Amen.

Pfarrerin Helga von Niedner