"Feuer von oben": Pfingstgottesdienst am 31. Mai 2020

Am Pfingstsonntag, 31. Mai 2020, haben wir unseren zweiten Freiluftgottesdienst vor der Christuskirche gefeiert. Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen waren knapp 30 Menschen gekommen, um das Fest des Heiligen Geistes zu begehen.

In der Predigt ging es um die Pfingstgeschichte aus der Apostelgeschichte im 2. Kapitel, in der die mutlosen, alleingelassenen Jünger Jesu plötzlich neuen Antrieb bekommen.

Hier können Sie die Predigt anhören:

200531 Pfingsten Feuer oben.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

 

"Feuer von oben"

Predigt am Pfingstsonntag, 31. Mai 2020 vor der Christuskirche

 

Apostelgeschichte 2, 1–18:

Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

 

Liebe Gemeinde!

Hier passiert ein Wunder, nein, gleich mehrere. Nehmen wir zuerst die Jünger Jesu: Wenige Wochen zuvor hatten sie den Tod ihres Freundes miterleben müssen. Dann war Jesus auf einmal wieder da – um dann an Himmelfahrt für immer zu verschwinden. Jetzt sind sie wieder allein, sie wissen nicht, wie es weitergeht, sie haben Angst, ebenfalls verhaftet und hingerichtet zu werden. Also bleiben sie in der Deckung und sehen zu, dass sie nicht auffallen.

Am Pfingsttag sitzen die Jünger beisammen in einem „Haus“, erzählt die Apostelgeschichte. Ich dachte immer, sie haben sich bei einem von ihnen zu Hause getroffen, heimlich. Aber später ist von vielen Leute aus aller Herren Länder die Rede, die werden wohl kaum ins Wohnzimmer gepasst haben – und nirgends ist die Rede davon, dass die Jünger auf die Straße gehen.

Vielleicht ist auch einfach das „Haus Gottes“ gemeint, der Tempel. Es ist nämlich gerade das Wochenfest, da kommen Leute von überall nach Jerusalem, der Tempel ist voller Menschen. Da können sich die Jünger also unauffällig unters Volk mischen.

Aber plötzlich fallen sie doch auf: Sie stellen sich mitten unter die Leute und loben und preisen Gott. Sie geben sich als Freunde des gekreuzigten Jesus zu erkennen. So dass es alle sehen und hören können. Mit voller Absicht.

Was ist da passiert? Haben sich die Jünger einen Ruck gegeben? Haben sie einen Schalter im Kopf umgelegt? Sich gegenseitig angetrieben? Nein, was die Jünger aus der Deckung treibt, das kommt von außen, von oben: Gott macht ihnen Feuer, nicht unterm Hintern, sondern im Herzen. Die Jünger werden erfüllt vom Heiligen Geist. Da, wo vorher ein Klumpen im Bauch war, da spüren sie auf einmal Mut, Begeisterung, Gottes Nähe. Und das können sie nicht für sich behalten – das müssen sie laut ausrufen.

Die Jünger sind also auf einmal sehr mutig und extrovertiert, und für manche der Umstehenden ist die Sache klar: Die sind betrunken. Keineswegs, sagt Petrus – wir sind alle nüchtern, es ist erst neun Uhr morgens. Und als er dann anfängt zu predigen, da ist da überhaupt nichts Verwaschenes, Undeutliches. Petrus kann seine Begeisterung in klare, einfache Worte fassen: Jesus, der Gekreuzigte, lebt.

Und tatsächlich, und das ist das zweite Wunder: Alle verstehen es! Obwohl die Jünger ihren galiläischen Dialekt sprechen und obwohl die Menschen im Tempel aus aller Herren Länder stammen – jeder fühlt sich in seiner eigenen Muttersprache angesprochen. Und die Botschaft trifft auf offene Ohren – die Menschen lassen sich taufen, angeblich 3000 an einem Tag, und auch wenn man das vielleicht nicht wörtlich nehmen muss, ist klar: Die Gemeinde hat enormen Zulauf.

Vielleicht fragen wir uns manchmal, heute, 2000 Jahre später: Wo ist sie geblieben, diese Begeisterung des Anfangs? Dass alle sich gegenseitig verstehen, alle sich angesprochen fühlen? Wo ist unser Pfingstwunder 2020?

Sicher, das große Brausen werden wir selten erleben – aber das gibt‘s auch in der Bibel nur einmal. Viel öfter geht Gottes Geist anders ans Werk, sanft, unspektakulär und ohne viel Getöse. „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth“. Der Heilige Geist, das Feuer von oben, kann viel mehr ausrichten als ein Tritt von hinten: Er kann uns trösten und aufrichten, er kann uns mitreißen und motivieren, Dinge zu wagen, die wir von uns aus für unmöglich gehalten hätten.

Und das können wir immer wieder erleben, im Großen, aber viel öfter im Kleinen. Dass völlig unerwartet Bewegung in eine Sache kommt, die völlig festgefahren schien. Dass es auf einmal Verständigung gibt, wo man sich unversöhnlich gegenüber stand. Dass wir Kraft finden, etwas durchzuhalten, was eigentlich nicht zum Aushalten ist.

Wir mussten in den letzten Wochen vieles aushalten, ausprobieren, neu lernen – im Privaten und in unserem Gemeindeleben. Es war zum Teil nicht einfach, aber vieles hat tatsächlich funktioniert, auch wenn das vorher unvorstellbar war. Wie es weitergeht, wissen wir nicht – genauso wenig wie die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu. Aber wir können uns darauf verlassen: Der Geist Gottes, der lebendig macht und verbindet, der wirkt auch heute noch genauso wie vor 2000 Jahren.

Amen.

Pfarrer Moritz von Niedner