"Gabe und Aufgabe": Gottesdienst am 20. September 2020

 In der Predigt von Pfarrerin Helga von Niedner ging es darum, dass wir als Gottes Geschöpfe eine verantwortungsvolle Aufgabe haben. 

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Gabe und Aufgabe

Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis am 20. September 2020

Liebe Gemeinde!

Es gibt ja Menschen, die mit dem Glauben wenig anfangen können, weil sie finden, dass sich das nicht mit einem modernen Weltbild vereinbaren lässt. Da gibt es dann manchmal hitzige Diskussionen (und ich vermute, viele von Ihnen kennen solche Gespräche): Soll man der Bibel glauben oder doch den Naturwissenschaften? Und die klassische Frage, die bestimmt irgendwann im Verlauf des Gesprächs gestellt wird, ist die nach der Entstehung der Welt und des Lebens. Schöpfungsgeschichte oder Evolutionstheorie? Was ist wahr? Kann man an etwas glauben, das wissenschaftlich nicht haltbar ist?

Ich glaube ja, dass die Frage falsch gestellt ist. Die Sache wird nicht gerade leichter dadurch, dass es in der Bibel nicht nur eine, sondern gleich zwei Schöpfungsgeschichten gibt. An manchen Punkten widersprechen die sich sogar gegenseitig. Aber was wir da lesen, sind keine Tatsachenberichte. Es war ja niemand live dabei. Diese Geschichten sind auch nicht einfach vom Himmel gefallen, geschrieben von Gott höchstpersönlich. Es geht ihnen gar nicht um die Frage: Wie genau ist das geschehen, als die Welt entstanden ist?

Nein, die Schöpfungsberichte der Bibel leben von der Überzeugung, dass es ohne Gott kein Leben gibt. Und dass das etwas für unseren Glauben bedeutet, auch in aufgeklärten Zeiten. Denn man kann auch als Christin, als Christ den modernen naturwissenschaftlichen Theorien Glauben schenken, ohne die Bibel zu verraten.

Unser Predigttext für heute steht im 2. Kapitel des Buches Genesis, ganz am Anfang der Bibel, und dort geht es darum, wie Gott den Menschen schafft. Dort lesen wir:

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.

Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Darum geht es in dieser Geschichte. Natürlich ist es eine naive Vorstellung, dass Gott den Menschen aus Erde gemacht und ihm dann den Lebensatem in die Nase gepustet hat. Aber das ist nur ein Bild, und man darf es nicht zu wörtlich verstehen.

Der Mensch ist Geschöpf Gottes, das heißt: er ist nicht einfach nur zufällig entstanden, durch Mutation und biologische Auslese und das Überleben des Stärkeren. Gott hat den Menschen gemacht, und zwar aus demselben Material wie den Rest der Schöpfung: aus Erde. Auf hebräisch heißt Erde „Adama“, und Mensch heißt „Adam“; eigentlich ist das gar kein Name, sondern es heißt wörtlich übersetzt „Erdling“, von der Erde genommen. Der Mensch ist quasi aus dem gleichen Holz geschnitzt wie alles um ihn herum. Er muss sich nichts darauf einbilden, etwas Besonderes oder Besseres zu sein. „Gott hat uns gemacht und nicht wir selbst,“ heißt es in einem Psalm. Es geht nämlich nicht um Adam und Eva. Es geht um uns. Wir sind Gottes Geschöpfe, und das ist ein Geschenk.

Und es ist schon ein Premium-Geschenk! Gott hat den Menschen ja nicht einfach in der Wüste ausgesetzt. Er hat einen Garten geschaffen als Lebensraum für die Menschen. Da gibt es alles, was man zum Leben braucht – nicht nur, um irgendwie über die Runden zu kommen. Schön ist es da gewesen und die Früchte an den Bäumen lecker und im Überfluss vorhanden. Gott hat es schon besonders gut mit den Menschen gemeint – und offensichtlich hat er durchaus Sinn für Genuss.

Alles um ihn herum ist für den Menschen da. Er hat also schon eine Sonderstellung in der Schöpfung. Das ist, wie gesagt, ein Geschenk, eine Gabe. Und weil der Mensch nicht das einzige Geschöpf ist, ist mit dieser Gabe auch eine Aufgabe verbunden: er soll die Erde „bebauen und bewahren“. Er soll sich die Natur zunutze machen – aber er soll sie nicht ausbeuten. Er hat eine große Verantwortung! Ein guter Gärtner weiß, was der Boden und die Pflanzen brauchen und welchen Ertrag er von seinem Land erwarten darf. Bebauen und bewahren, das ist nachhaltiger Umgang mit dem, was der Mensch anvertraut bekommen hat.

Und das ist auch der Moment, an dem wir in größeren Maßstäben denken müssen. Unsere Verantwortung als Geschöpfe erstreckt sich nicht nur auf das Fleckchen Erde, auf dem wir leben. Wir haben auch eine Verantwortung für andere. Längst nicht alle Menschen auf der Welt haben genug zu essen. In den letzten Tagen sind die Bilder aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria um die Welt gegangen. Die Menschen, die dort hausen, haben nicht zum ersten Mal alles verloren. Denn sie haben ihre Heimat nicht deshalb verlassen, weil sie einfach mal was anderes sehen wollten. Es war die pure Not und die Angst um ihr Leben, die sie hat aufbrechen lassen. Und wir können nicht so tun, als würde uns das nichts angehen.

Viele Menschen wollen ja auch helfen und etwas abgeben, und das ist gut so. Aber wenn es auf der Welt tatsächlich gerecht zugehen soll, dann reicht das nicht. Unser Reichtum ist ein Teil des Problems – und wenn wir es wirklich ernst meinen, dann müssen wir in den reichen Ländern bereit sein, mehr zu geben: nicht nur von unserem Überfluss, sondern wir werden uns tatsächlich einschränken müssen. Denn wenn man mit den Ressourcen dieser Erde verantwortungsvoll umgeht, könnten tatsächlich alle Menschen auf der Welt satt werden.

Ja, es ist eine große, verantwortungsvolle Aufgabe, die wir als Gottes Geschöpfe haben! Man kann daran auch scheitern – wir wissen ja, wie es in der biblischen Schöpfungsgeschichte weitergeht: Adam und Eva essen ausgerechnet von dem einzigen verbotenen Baum, sie versuchen noch, sich vor Gott rauszureden, und das war es dann mit dem Paradies.

Aber, und das ist die gute Nachricht, Gottes Geschöpfe bleiben wir trotzdem. Auch wenn wir Fehler machen und Schuld auf uns laden, hält Gott an uns fest und liebt uns trotzdem. Er hat uns gemacht und nicht wir selbst. Wie genau das geschehen ist, darauf findet die Bibel andere Antworten als die Naturwissenschaft. Aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist: Gott war am Werk. Wir gehören zu ihm. Amen.

Helga von Niedner