"Gesegnet streiten": Andacht zum 14. Juni 2020

"Ein Herz und eine Seele" - so beschreibt die Apostelgeschichte das Zusammenleben der ersten Christinnen und Christen vor 2000 Jahren. Aber nicht überall geht es so harmonisch zu. Wie wir damit umgehen können, darum geht es in der Andacht von Pfarrer Moritz von Niedner.

Hier können Sie die Andacht anhören:

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Hier können Sie die Andacht nachlesen:

Gesegnetes Streiten

Seit ziemlich genau einem Vierteljahr leben wir nun mit den Kontaktbeschränkungen wegen Corona. Auch wenn nun Kinder und Erwachsene nach und nach das Home Office wieder gegen Schule, Kindergarten und Büro tauschen – ein Großteil des Alltags spielt sich weiterhin in den eigenen vier Wänden ab, auch für uns als fünfköpfige Familie. An unserem Kühlschrank hängt eine Postkarte, die wir vor Jahren bekommen haben, darauf steht: „Das Beste an einer Familie: Man ist nie allein. Das Schlechteste: Man ist nie allein.“ Ja, selbst Menschen, die einem lieb und wert sind, können einem hin und wieder ziemlich auf den Geist gehen.

Auch die ersten Christinnen und Christen vor 2000 Jahren in Jerusalem hatten ein sehr enges Verhältnis, das war fast wie eine Familie. Deren Zusammenleben beschreibt die Apostelgeschichte so:

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. (Apostelgeschichte 4, 32-35)

Wie geht es Ihnen, wenn Sie das hören? Eine Gemeinschaft, die alles teilt, Zeit, Hab und Gut, niemand pocht auf sein Recht, alle leben harmonisch zusammen – sind Sie ein bisschen neidisch darauf, oder finden Sie, das klingt doch ein bisschen zu schön, um wahr zu sein?

Ja, man könnte wirklich neidisch werden: Damals in der Urgemeinde muss tatsächlich ein ganz besonderer Geist geherrscht haben. Die Christinnen und Christen sind mit Begeisterung dabei, sie spüren: Gott ist da, und das feiern und das leben sie miteinander – am Sonntag und im Alltag, egal ob die anderen mit dem Kopf schütteln oder abfällige Sprüche machen.

Aber ganz so harmonisch, wie es die Apostelgeschichte hier beschreibt, ist es sicher nicht zugegangen. Wenn man ein wenig weiterliest, merkt man bald, dass es auch damals Menschen gab, die nicht zu kurz kommen wollten und darum lieber in die eigene Tasche wirtschafteten als für die Gemeinschaftskasse.

Und ich finde es sehr sympathisch, dass die Bibel das nicht verschweigt, dass sie nicht nur das rosarote Bild völliger Harmonie zeichnet, sondern ehrlich sagt: Wo Menschen miteinander zu tun haben, da gibt es immer auch Konflikte – weil das, was ich gerne hätte, oft nicht zu dem passt, was anderen gut tut, und umgekehrt.

Die Christinnen und Christen in der Urgemeinde hatten offenbar einen Weg gefunden, mit diesen Konflikten umzugehen. Sie konnten offen und ehrlich miteinander umgehen, ohne den anderen zu verletzen.

Und das alles war möglich, weil sie wussten: Wir gehören zusammen, auch wenn wir nicht verwandt oder verschwägert sind. Wir sind Gottes Kinder.

Das gilt bis heute. Unabhängig von Blutsverwandtschaft, Hautfarbe, Nationalität und Sprache – wir sind Gottes Familie, verbunden durch den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit und der Liebe.

Und in diesem Geist können wir auch unsere Konflikte austragen. Wenn es also das nächste Mal Streit gibt, dann versuchen Sie es doch mal so:

  • Zählen Sie innerlich langsam bis zehn, bei Bedarf bis 20.
  • Versuchen Sie sich in Ihr Gegenüber hineinzuversetzen: Warum verhält er oder sie sich gerade so? Hören Sie zu: Was wünscht sich der oder die andere?
  • Vermeiden Sie Verallgemeinerungen und Vorwürfe; sagen Sie lieber, wie Sie sich jetzt im Moment fühlen und was Sie sich in dieser konkreten Situation wünschen.
  • Unterhalten Sie sich über Ihre „Schmerzgrenze“: Was ist mir wirklich wichtig, und worauf kann ich auch verzichten? Dann können Sie Kompromisse ausloten, mit denen beide Seiten leben können.

In diesem Sinne: gesegnetes Streiten!

Amen.

Pfarrer Moritz von Niedner