"Gnade vor Selbstgerechtigkeit": Gottesdienst am 28. Juni 2020 bei Regens Wagner

Einmal im Jahr feiern wir unseren Sonntagsgottesdienst nicht in der Christuskirche, sondern in Michelfeld bei Regens Wagner zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen war das dieses Jahr zwar nicht möglich; Helga und Moritz von Niedner mit Organist Richard von Niedner, allesamt Mitglieder eines Hausstands, hielten aber am 28. Juni einen kurzen Gottesdienst im Herz-Jesu-Chor, der in die Gruppen übertragen wurde.

Was ist gerecht? Der Prophet Jona findet: Gerecht ist, wenn jeder bekommt, was er verdient - und wer sündigt, muss von Gott bestraft werden. Aber Gott sieht das anders - und das macht den Propheten richtig wütend. Darum ging es in der Predigt von Pfarrer Moritz von Niedner.

Hier können Sie die Predigt nachhören:

200628 3nTr Gnade vor Selbstgerechtigkeit v2.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Liebe Gemeinde!

Heute geht es um die Geschichte von Jona.

Genau, das ist der mit dem Fisch.

Der Prophet Jona hat von Gott den Auftrag bekommen, in die Stadt Ninive zu gehen. Denn dort geht es drunter und drüber, es herrscht Bosheit und gottloses Treiben. Und Jona soll nun dorthin und den Leuten von Gott ausrichten: So geht es nicht.

Aber Jona hat da keine Lust drauf. Er steigt auf ein Schiff und haut ab. Dann kommt aber ein Sturm, Jona wird ins Meer geworfen. Dort wird er von einem Fisch verschlungen und nach drei Tagen an Land wieder ausgespuckt. Das mit dem Weglaufen hat schon mal nicht geklappt.

Gott schickt Jona ein zweites Mal nach Ninive, der geht diesmal wirklich und kündet den Leuten dort Gottes Strafe an. Aber anders als erwartet lassen sich die Menschen davon wirklich bewegen, sie bereuen ihre Bosheit, sie gehen in Sack und Asche und bitten um Vergebung.

Und Gott hat Mitleid: Er bestraft sie nicht. Und eigentlich könnte die Geschichte damit zu Ende sein – alles ist nochmal gut ausgegangen, alle sind glücklich.

Außer Jona. Der kann sich nicht freuen. Er ist stinksauer.

Weil er findet, dass das nicht gerecht ist. Die Menschen haben schwer gesündigt, also muss Strafe sein. Weil Gott gerecht sein muss. Da könnte ja jeder kommen und einfach bereuen und wird dann verschont – so einfach kann Gott die Leute doch nicht davon kommen lassen! Das ist doch ungerecht – er, Jona, er hat sein Leben riskiert für Gott, erst Schiffbruch, dann drei Tage Fisch von innen, das alles, um den Leuten in Ninive die gerechte Strafe zu verkünden – und die brauchen nur ein paar Klamotten aus der Altkleidersammlung anzuziehen, und schon sagt Gott: Alles gut!

Nein, so hat Jona sich das nicht vorgestellt, und darum giftet er Gott an: „Ich hab’s gewusst, Gott, das war ja so klar! Hab ich’s nicht gesagt, als ich noch zu Hause war? Bin ich nicht deswegen abgehauen? Ja, Gott, schon klar, du bist gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte.“ – Ja, Jona sagt tatsächlich „gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte“, das ist aus dem Psalm 103, eigentlich ist das ein Loblied. Aber Jona meint das nicht als Lob, sondern bitter ironisch-sarkastisch: Wenn Gott so ein Weichling ist, wie soll ihn dann jemand ernst nehmen? Jona fühlt sich verarscht – und das kränkt ihn so sehr, am liebsten will er sterben.

Aber nein, Jona stirbt nicht, und beleidigt zieht er ab. Aber neugierig ist er schon, also schlägt er sein Lager auf einem Aussichtshügel vor der Stadt auf und sitzt dort mit schlechter Laune und wartet.

Es ist heiß. Und um den Jona eine Freude zu machen, lässt Gott eine Rizinusstaude wachsen, mit großen Blättern, der ideale Schattenbaum. Und tatsächlich, Jona freut sich, und zack, ist er wieder gut drauf.

Aber nicht lange. Denn so schnell wie der Baum gewachsen ist, ist er auch wieder verdorrt. Am nächsten Tag muss Jona schon wieder in der prallen Sonne sitzen, er bekommt fast einen Sonnenstich. Und schon ist die Stimmung wieder am Boden – der geliebte Baum ist weg, es ist zu warm, alles ist doof, Jona will sterben.

Was ist das für ein Typ, dieser Jona? Nicht sehr stabil, scheint mir. Emotional leicht aus der Spur zu bringen. Im einen Moment total down und zu Tode betrübt, dann wieder himmelhochjauchzend, dann wieder total wütend – Ausgeglichenheit sieht anders aus. Und wenn er mal schlecht drauf ist, kommt er auch nicht so schnell wieder runter. Zweimal fragt Gott ihn (und zwar sehr liebevoll): „Meinst du wirklich, dass du mit Recht sauer bist?“ Und Jona antwortet trotzig: „Klar hab ich recht – und bevor ich das weiter ertragen muss, sterbe ich lieber, damit du’s weißt!“

Bei Jonas Gefühlen gibt es kein Mittelmaß, da gibt es nur supi-supi oder alles ätzend. Und was er will und möchte, das ist der Maßstab, nach dem sich alles richten muss, auch Gott. Und wenn das nicht passiert, dann ist Krise angesagt. Das alles ist so gar nicht das, was man von einem gereiften Propheten erwartet – das hat eher etwas trotzig Pubertierendes.

Aber vielleicht macht gerade das den Reiz dieser Geschichte aus. Vielleicht wird sie gerade dadurch so lebendig, so lebensnah. Dieser Jona, das ist kein Superheld, immer cool, egal was passiert. Nein, das ist ein Mensch – so wie ich auch, mal gut drauf, mal weniger.

Mir geht‘s auch manchmal wie dem Jona. Da wundere ich mich über Gott, ich verstehe ihn nicht.

Da mache ich das, was ich will, zum Maßstab für alle anderen – so wie ich das sehe, so müssen es alle sehen und machen, gerne auch Gott.

Da fordere ich Gerechtigkeit und bestehe darauf, dass jeder bekommt, was er verdient und dass Gott bei den anderen mal andere Saiten aufziehen müsste – und merke viel zu selten: Das ist nicht Gottes Gerechtigkeit, sondern meine Selbstgerechtigkeit.

Da mache ich auch mal großen Mist, oft wäre er vermeidbar, aber oft eben auch nicht – weil ich mich einfach geirrt hab. Auch in Ninive ist sicherlich nicht alles aus purer Bosheit passiert, nein, Gott weiß: Sie wissen’s halt oft nicht besser. Und auch da hat Jona mehr mit den Leuten in Ninive gemeinsam, als ihm lieb ist.

Liebe Gemeinde,

ist Jona schließlich zufrieden? Wir wissen es nicht. Sein Wunsch, dass Gott seine gerechte Strafe schickt, wird nicht erfüllt. Aber es passiert etwas anderes: Gott redet mit ihm. Er sagt nicht „So mach ich’s – weil ich’s kann! Basta!“, sondern er versucht, es dem Jona zu erklären. Er sagt: Jona, du weißt doch, wie das ist – was einem lieb und wichtig ist, das möchte man gerne behalten. Denk mal an deinen Rizinus – den hast du geliebt, obwohl du für den nix getan hast und ihn bloß einen Tag kanntest. Aber die Menschen und Tiere in Ninive – die habe ich geschaffen, das sind meine Geschöpfe, die gebe ich nicht verloren.

Und darum kann ich mir schon vorstellen, dass Jona am Ende tatsächlich zufrieden ist – zum einen weil Gott ihn einer Antwort für würdig hält, und zum anderen weil Jona vielleicht erkennt: Dass Gott so barmherzig, geduldig und gnädig und von großer Güte ist, das ist nicht die Wurzel allen Übels, das ist nicht ätzend und ungerecht, sondern das ist ein Glücksfall für die ganze Schöpfung. Ja, merkt Jona, da könnte ja wirklich jeder kommen und sich vergeben lassen – sogar ich selbst. Weil wir alle das brauchen: Geduld, Gnade, Güte. Und indem Gott uns das gibt, was wir brauchen, dadurch wird Gott uns tatsächlich gerecht. Und das ist tatsächlich das beste Ende, das man sich vorstellen kann.

Amen.