"Jeder hat sein Päckchen zu tragen": Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2020

Wieder einmal bei schönstem Wetter haben wir am 21. Juni 2020 unseren Gottesdienst vor der Christuskirche gefeiert - bereits zum dritten Mal. Über dreißig Besucherinnen und Besucher hatten sich mit Abstand auf der Wiese verteilt.

Auch der Glaube ist kein Wundermittel, das uns vor Schwerem verschont. Aber Gott will uns tragen helfen. Darum ging es in der Predigt von Pfarrerin Helga von Niedner.

HIer können Sie die Predigt anhören:

200621 2nTr Jeder hat sein Päckchen zu tragen.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis am 21. Juni 2020

Der Predigttext für den heutigen 2. Sonntag nach Trinitatis steht im Matthäusevangelium im 11. Kapitel:

Jesus sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

(Matthäus 11,25-30)

Liebe Gemeinde!

Wer abends den Fernseher anschaltet, um die Nachrichten anzuschauen, kennt das: in den Werbepausen werden vor allem Gesundheitsprodukte angepriesen. Wundermittel, die für oder gegen alles mögliche helfen sollen. Endlich wieder durchschlafen, mehr Vitalität im Alter, Schluss mit Haarausfall, Reizdarm und Rückenschmerzen. Alles nicht verschreibungspflichtig und ohne Rezept zu kaufen. Man könnte sein ganzes Gehalt für diese Mittelchen ausgeben, würde man der Werbung trauen. Viele tun es offenbar, sonst wäre das Angebot zur besten Sendezeit nicht so groß.

Ich kann ihn durchaus verstehen, den Wunsch nach Vitalität, nach Gesundheit und Ruhe. Oft sind es ja gerade die vermeintlich unbedeutenden Wehwehchen, die einem das Leben schwer machen. Wer regelmäßig nachts wachliegt und vor Sorgen nicht mehr einschlafen kann, der wünscht sich nichts sehnlicher als guten Schlaf. Und wer wirklich leidet, ist natürlich bereit, alles auszuprobieren, auch die angepriesenen Wundermittel – koste es, was es wolle. Und man hört ja auch immer wieder von Erfolgen – es könnte ja sein, dass es tatsächlich hilft.

Ja, es wäre schon toll, wenn es so ein Mittel geben würde, nicht nur gegen Verdauungsprobleme oder Kopfschmerzen: etwas, das unsere Probleme löst und gegen alles wirkt, das uns das Leben schwer macht. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass wir ausgerechnet kurz vor der Tagesschau besonders empfänglich sind für solche Werbung. Dass vieles in der Welt im Argen liegt, bekommen wir da im Minutentakt serviert. Wie toll wäre es, wir hätten das richtige Mittel dagegen!

Bei mir klingt noch ein Satz aus dem Predigttext nach, der sich ein bisschen nach so einem Zaubermittel anhört, nach der simplen Lösung all unserer Probleme. Da sagt Jesus: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Heißt das: wer an Gott glaubt, kennt keine Wehwehchen mehr, meine Schmerzen, keine echten Sorgen? Hat Jesus etwa das Allheilmittel gegen alles, was uns das Leben schwer macht – oder ist es eher eine Betäubungspille? Glaube nur, dann ist alles andere unwichtig?

So ist das natürlich nicht zu verstehen. Jesus hat ja genau die im Blick, die sich abrackern, denen das Leben schwer mitspielt. Jeder hat sein Päckchen zu tragen – und manche erwischt es besonders heftig. Gerecht geht es im Leben nicht zu. Das alles hat Jesus am eigenen Leib erfahren. Und er weiß: die Lasten des Lebens tragen – das gehört zum Menschsein dazu. Manchmal ist das kaum auszuhalten.

Jesus verspricht uns kein Wundermittel, damit diese Lasten sich in Luft auflösen. Und er verspricht auch nicht, uns die Last des Lebens einfach abzunehmen. Er will uns helfen, sie zu tragen und zu er-tragen. Sein Rat lautet: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir…“

Das klingt allerdings jetzt nicht wirklich einleuchtend! Eigentlich hatte Jesus doch eine Erfrischung versprochen, eine Erleichterung beim Lastentragen – und jetzt sollen wir uns noch eine zusätzliche Last aufbürden? Ein Joch auf der Schulter, so leicht es ist, kann doch nur unangenehm und belastend sein!

Tatsächlich hat das Joch in unserem Sprachgebrauch einen negativen Beigeschmack: wenn jemand unterjocht wird, dann wird er kleingehalten und ausgebeutet. Die Menschen, die Jesus live erlebt haben, kannten das Joch dagegen aus ihrer täglichen Arbeit: da war es ein willkommenes Hilfsmittel. Kein Mensch könnte schwere Wassereimer tragen, ohne eine Jochstange über die Schultern zu legen. Das Joch ist keine Last, sondern eine Tragehilfe, ein Hilfsmittel, das es möglich macht, auch mit großen Lasten fertig zu werden.

Glauben ist kein Wundermittel und keine Betäubungspille. Auch wer glaubt, hat Rückenschmerzen oder Schlafprobleme und oft noch viel, viel größere Sorgen und Probleme. Jeder hat sein Päckchen zu tragen – nicht selten sind das richtig große Brocken. Gott nimmt uns das nicht einfach ab – und das ist manchmal schwer zu verstehen, warum er es nicht tut, wenn er es doch könnte. Aber er will uns tragen helfen. Er ist uns nahe, geht mit durch die schweren Zeiten, hilft uns, sie zu er-tragen. Er spendiert eine Erfrischung, wenn wir sie nötig haben, und schenkt unseren aufgescheuchten Seelen Ruhe und Frieden.

Egal, was passiert, egal, wie hart das Leben uns manchmal mitspielt, von Gott kann uns nichts trennen. Von ihm bekommen wir, was wir zum Leben brauchen. Rezeptfrei und sogar ohne Zuzahlung.

Amen.

Helga von Niedner