"Leben mit Gott": Freiluftgottesdienst am 19. Juli 2020

Das Thema "Taufe" stand im Mittelpunkt des Freiluft-Gottesdienstes am 19. Juli vor der Christuskirche. In der Predigt ging es um einen Menschen, der auf der Suche ist nach Gott, einem Wegbegleiter begegnet und sich schließlich taufen lässt.

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200719 Leben mit Gott.mp3

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Leben mit Gott

Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis am 19. Juli 2020

Apostelgeschichte 8, 26–39:

Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin.

Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wa­gen! Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzustei­gen und sich zu ihm zu setzen. Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung ge­führt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Le­ben wird von der Erde weggenommen.« Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat sei­nen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

Und als sie auf der Straße dahinfuh­ren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser herauf­stiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämme­rer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

Eine Geschichte ist das vom Suchen und Finden. Der äthiopische Kämmerer hat sich auf eine lange, beschwerliche Reise gemacht, von Äthiopien nach Israel, eine Weltreise, nein, vielmehr eine Wallfahrt: Er möchte zum Tempel in Jerusalem, er möchte Gott aufsuchen.

Das ist ihm wichtig, dafür hat er sich Zeit genommen – so eine Reise dauert Monate. Warum der Aufwand? Warum der weite Weg? Viele würden da heute verständnislos den Kopf schütteln: Gott kann man doch überall suchen! In der Natur, in der Kunst, in der Architektur – ist Gott nicht überall zu finden? Dazu brauche ich doch keinen Tem­pel, keine Kirche!

Doch, der Kämmerer braucht das. Weil er nämlich ein gutes Gespür dafür hat, wo die Quellen des Glaubens sprudeln. Der Gott, den er sucht, das ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, das ist der Gott, der die Israeliten aus Ägypten befreit und in das gelobte Land ge­bracht hat. Und genau dorthin zieht es den Kämmerer auf seiner Su­che nach Gott: in dieses Land, zu diesem Tempel – weil er spürt: Das ist der Ort, an dem Gott für seine Menschen noch einmal in anderer Weise da ist als irgendwo in seiner weiten Schöpfung.

Ja, die Suche nach Gott ist ihm wirklich wichtig. Das merkt man so­gar jetzt noch, als er schon wieder auf dem Heimweg ist: Er sitzt im Wagen und liest – in der hebräischen Bibel, im Alten Testament. Der Tempel-Besuch, das war nicht irgendein Programmpunkt zum Abha­ken, nein, der Kämmerer bleibt dran an seiner Gott-Suche.

Nun rollt der Wagen also durch die judäische Wüste. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Aber nein, der Zufall will es, dass da doch noch ein Mensch ist auf dieser öden Straße, nämlich Philippus. Zu­fall? An Zufälle mag glauben, wer möchte – aber in dieser Geschich­te gibt es keine Zufälle. Philippus ist nicht zufällig hier, er hat einen präzisen Auftrag bekommen, und zwar von Gott.

Und wie es der Nicht-Zufall ebenfalls will, liest der Kämmerer gera­de ausgerechnet eine Stelle aus dem Propheten Jesaja. Und dass Phi­lippus die Stelle sofort erkennt, das liegt daran, dass der Kämmerer, wie damals üblich, laut liest. Damals ist so ein Reisewagen noch in gemächlichem Tempo unter­wegs, und so kann Philippus erst einmal locker nebenher laufen und ein Gespräch anfangen: Verstehst du denn auch, was du da gerade liest? Und das ist offenbar genau die richtige Frage in diesem Mo­ment, denn der Kämmerer ist hocher­freut: Endlich kommt jemand, der sich auskennt. Und er bittet Philip­pus sofort, einzusteigen und mitzufahren.

Es ist nicht irgendeine Bibelstelle, die der Kämmerer da gerade liest. Und es ist auch kein Wunder, dass sie dem Kämmerer zunächst fremd ist, die Stelle aus dem Propheten Jesaja. Denn da ist die Rede von einem Menschen, einem „Knecht Gottes“, wie es da heißt, der leiden muss, dem übel mitgespielt wird – und der doch alles über sich ergehen lässt, der sich nicht wehrt, ja, der sich schlachten lässt wie ein Schaf. Der Kämmerer weiß nicht, was das soll: Spricht Jesaja da von sich selbst, oder meint er jemanden anderes damit?

Mit dieser Frage ist er bei Philippus genau richtig. Denn Philippus kennt diese Stelle, und für ihn spiegelt sich in diesem Gottesknecht das Leben und Sterben von Jesus wider. Genauso ging es doch mit Jesus auch: Er, der Sohn Gottes, war verurteilt, verspottet, gequält und hingerichtet worden – und er hatte es mit sich machen lassen, Je­sus hatte keinen Widerstand geleistet, ja, er hatte sich schlachten las­sen wie ein Schaf.

All das erklärt Philippus dem Kämmerer, als sie zusammen im Wa­gen sitzen. Und jetzt versetzen Sie sich mal für einen Moment in den Kämmerer von Äthiopien. Das ist ein Mann aus der hohen Politik, ein Machtmensch, der weiß: Wenn man etwas erreichen will, dann muss man es durchsetzen. Da muss man seine Macht einsetzen, da darf man nicht zurückstecken. Und ich vermute, genau das hat der Kämmerer auch von Gott erwartet: Dass er mit Macht in die Weltge­schichte eingreift, um die Welt heil zu machen. Stattdessen erzählt ihm Philippus von einem Gott, der sich kreuzigen lässt wie ein Ver­brecher.

Und eigentlich würde man jetzt erwarten, dass der machtbewusste äthiopische Kämmerer enttäuscht ist von diesem Gott. Aber so ist es nicht. Der Kämmerer ist nicht abgestoßen von der Botschaft vom ge­kreuzigten, vom leidenden Gott – im Gegenteil: Wahrscheinlich spürt er, dass hier etwas völlig Neues beginnt, etwas wirklich Welt-Bewegendes: Hier wird dieser ewige Kreislauf von Macht, Gewalt und Gegen-Gewalt durchbrochen. Hier herrscht eine Machtlosigkeit, die am Ende über alle Mächte triumphiert: die göttliche Liebe. Und der Kämmerer ist sich ganz sicher – zu diesem Gott will er gehören, und zwar je schneller, desto besser.

Und wieder ist es kein Zufall, dass der Wagen gerade in diesem Mo­ment an einer Wasserstelle vorbei kommt. „Schau, da ist Wasser! Was steht meiner Taufe noch im Weg?“ Wir wundern uns vielleicht, dass es der Kämmerer jetzt so eilig hat, getauft zu werden. Muss das nicht alles doch etwas gründlicher vorbereitet werden? Soll sich der Kämmerer das nicht noch ein bisschen überlegen?

Aber das hat er doch schon längst. Er hat es sich doch schon längst überlegt – den ganzen Weg nach Jerusalem und zurück. Und das, was ihm noch gefehlt hat an Vorbereitung, an Taufunterricht, das hat ihm Philippus gerade eben gegeben. Dem Kämmerer ist klargewor­den: Das ist der Gott, dem er sein Leben anvertrauen will. Also, was kann ihn noch daran hindern, sich taufen zu lassen?

Und sie halten an, sie steigen beide ins Wasser, und Philippus tauft ihn. Warum ist dem Kämmerer dieses Ritual so wichtig? Er hätte ja auch sagen können: Ich habe Gott für mich gefunden – wozu brauche ich noch eine Taufe?

Aber er will diese Taufe. Die Taufe ist ja nicht nur Ritual, eine schö­ne Zeremonie, nein, in der Taufe passiert etwas mit dem Täufling, wir haben das vorhin in der Epistellesung gehört: Indem der Kämme­rer ins Wasser steigt, untertaucht und wieder hochkommt, da beginnt ein neues Leben, ein Leben mit Gott. Paulus schreibt: „So sind wir ja mit Jesus begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“

Als sie beide wieder aus dem Wasser steigen, ist Philippus auf ein­mal verschwunden. Aber das macht dem Kämmerer nichts aus. Frei­lich, er hätte noch viel zu fragen gehabt und zu lernen über Gott und Jesus – aber er ist sich sicher, er wird seine eigenen Erfahrungen ma­chen mit Gott. Der Anfang dazu ist gemacht. Und darum zieht er sei­ne Straße fröhlich.

Amen.

Pfarrer Moritz von Niedner