"Nachgeben statt Nachlegen": Gottesdienst am 5. Juli 2020

"Man kann sich nicht alles gefallen lassen." Wer auf Vergeltung aus ist, der ist nicht frei - er lässt sich vom anderen aufzwingen, wie er reagiert.Vergebung dagegen durchbricht den Teufelskreis aus Rache und Gegen-Rache. Darum ging es in der Predigt von Pfarrerin Helga von Niedner.

Hier können Sie die Predigt nachhören (leider mit Störgeräuschen wegen des starken Winds):

200705 4nTr Nachgeben statt Nachlegen.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Nachgeben statt Nachlegen

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis am 5. Juli 2020

Wie kann ein friedliches Zusammenleben gelingen? Diese Frage ist heute so aktuell wie vor 2000 Jahren. Am Ende des Briefes an die Gemeinde in Rom geht es genau darum: woran sieht man im Alltag, dass einer oder eine als Christ oder Christin lebt? Was bedeutet der Glaube für das Leben und das Zusammenleben? Ich lese aus dem Römerbrief im 12. Kapitel:

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,17-21)

„Habt mit allen Menschen Frieden!“ Das wäre doch toll, wenn das klappen würde! Wer würde das nicht wollen? Und wenn in der Bibel von Frieden die Rede ist, dann ist nicht nur gemeint, dass man sich zusammenreißt und nicht aufeinander losgeht. Der biblische Friede, auf Hebräisch Schalom, ist kein Waffenstillstand – er ist nichts weniger als das harmonische, geordnete Zusammenleben von Menschen. So, wie Gott es sich vorstellt.

Ja, das wäre toll. Vielleicht denken Sie gerade: An mir soll´s nicht liegen. Und wahrscheinlich fallen Ihnen gerade diejenigen Menschen in Ihrem Umfeld ein, mit denen das schwierig wäre. Frieden halten mit allen Menschen – geht das überhaupt? Das ist ja manchmal schon schwer mit Menschen, die wir mögen – selbst da gibt es oft genug Streit. Aber mit allen Menschen? Auch mit denen, die einem das Leben zur Hölle machen, Streit suchen und einfach nur nerven?

Zu einem Streit gehören ja bekanntlich immer zwei. Und wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir zugeben, dass wir schon Anteil daran haben, wenn es bei uns unfriedlich zugeht. Wir wollen halt gern Recht haben, und manchmal kriegt jemand unsere schlechte Laune ab, der gar nichts dafür kann. Da sagt man gern: Wir sind halt auch nur Menschen.

Aber auch die Leute um mich herum sind „nur Menschen“: Menschen, die anfällig sind für Rechthaberei, die empfindlich reagieren und Narben von schlechten Erfahrungen mit sich herumtragen. Und manchmal sind sie vielleicht sogar streitsüchtig und verweigern sich allen Bemühungen, vernünftig miteinander auszukommen.

„Wir sind auch nur Menschen“ – das heißt: wir sind anfällig dafür, uns von anderen und von Gott zu entfernen. Das ist unsere Grundschwäche, christlich gesprochen: die Sünde. Wir kreisen um uns und halten uns selbst für den Mittelpunkt der Welt oder zumindest unserer Umwelt.

Und so machen wir uns gegenseitig das Leben schwer. Statt Frieden zu halten, schaukelt sich der Konflikt so richtig auf. Ein Wort gibt das andere, wir denken an Rache und Vergeltung und wollen einfach nur Recht haben. Man kann sich ja nicht alles gefallen lassen! Man muss doch schauen, wo man bleibt! Manchmal muss man sich auch wehren!

Auch da hebt Paulus schon wieder den Zeigefinger: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem!“, sagt er. Denn wer Vergeltung übt, der ist nicht frei. Der gehorcht nur noch dem Zwang. „Man muss doch“. „Man kann doch nicht…“ Wenn wir uns wehren, zurückschlagen oder uns rächen, dann lassen wir uns vom anderen aufzwingen, was wir zu tun haben. Und am Ende kann niemand mehr sagen, worum es eigentlich gegangen ist. Es ist, wie man so schön sagt, ein Teufelskreis. Von selber hört der nicht mehr auf zu existieren – man muss ihm etwas entgegensetzen, um ihn zu durchbrechen.

Wenn ich dem anderen, der mir schaden möchte, etwas Gutes tue, wo er eigentlich mit dem Gegenschlag gerechnet hat, dann höre ich auf, bloß zu reagieren. Dann habe ich es wieder in der Hand – und kann gespannt sein, was als Nächstes passiert. Vielleicht bringe ich den anderen zum Nachdenken. Das meint Paulus, wenn er sagt: „Überwinde das Böse mit Gutem.“

Der Apostel ist aber auch Realist. Er weiß, dass es nicht so einfach ist mit dem Friedenhalten. Er schickt eine doppelte Einschränkung voraus: „Ist´s möglich“ und „soviel an euch liegt“. Das heißt auch: manchmal ist es eben nicht möglich, oder wir werden mit unseren Bemühungen scheitern. Das Gute ist: darüber müssen wir nicht verzweifeln. Wir sind nicht allein dafür verantwortlich. Wir können dem Frieden schon die Bahn bereiten. Aber selber schaffen müssen wir ihn nicht. Gott wird am Ende alle Feindschaften besiegen, er wird den endgültigen, allumfassenden Frieden schaffen, er wird Hass und Vergeltung ein Ende machen – auch, wenn wir Menschen es anders verdient hätten.

Weil Gott barmherzig ist, rechnet er uns das alles nicht zu. Und wir sollen das in unserem Handeln Gott gleich tun: Vergebung statt Vergeltung, die Hand reichen statt zuschlagen, nachgeben statt nachlegen. Das ist viel verlangt. Aber wir müssen keine Angst haben, dass wir dabei zu kurz kommen könnten. Wir haben Gott auf unserer Seite, den größten Friedensstifter, den man sich vorstellen kann.

Und dieser Friede, der größer ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Helga von Niedner