"Singen steckt an": Andacht zum Sonntag Kantate, 10. Mai 2020

Am Sonntag Kantate steht traditionell die Musik im Mittelpunkt. Um die Ansteckungsgefahr beim Singen geht es in der Andacht von Pfarrerin Helga von Niedner.

Hier können Sie die Andacht anhören:

200510 Andacht Kantate.mp3

Hier können Sie die Andacht nachlesen:

Ansteckungsgefahr!

Andacht zum Sonntag Kantate am 10. Mai 2020

„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Der Sonntag Kantate – übersetzt heißt das: „Singt!“ – steht ganz im Zeichen der Musik: das gesungene Gotteslob soll überall zu hören sein. Normalerweise wird an diesem Sonntag im Gottesdienst alles aufgefahren, was eine Gemeinde musikalisch zu bieten hat: Kirchenchor, Orgel, Posaunenchor und natürlich Gemeindegesang solang die Puste reicht.

Doch zu Zeiten von Corona hat es ausgerechnet das gemeinsame Singen und Musizieren schwer: zu hoch ist die Ansteckungsgefahr. Chöre dürfen immer noch nicht gemeinsam proben, nur alleine oder daheim im Familienverband darf geübt werden. Und wo wieder Gottesdienst gefeiert wird, gibt es nur reduzierten Gemeindegesang: lieber nicht so laut, höchstens zwei Strophen und natürlich nur mit Mundschutz.

Natürlich soll sich niemand beim gemeinsamen Singen mit dem Coronavirus infizieren, das wäre fatal. Aber dass Singen ansteckend ist, das ist ja eigentlich nichts Neues! Das wussten schon die Reformatoren. Martin Luther hat seine Botschaft vom gnädigen Gott nicht nur in Predigten und wissenschaftlichen Abhandlungen zum Ausdruck gebracht, sondern vor allem durch zahlreiche Gemeindelieder, die er selbst geschrieben hat. Viele dieser Lieder haben sich rasend schnell verbreitet. Die Menschen konnten sich die frohe Botschaft gegenseitig zusingen, in ihrer eigenen Sprache. Sie konnten sich ihren Kummer von der Seele singen und mit ihren Liedern von den Wundern erzählen, die Gott tut. Die Ansteckungsrate war hoch – wie gut, dass es sich dabei nicht um ein Virus handelte, sondern um die Begeisterung über die gute Nachricht von Gottes Liebe.

Die Lieder, die wir zurzeit singen, klingen wohl noch eine Weile anders als sonst: eher verhalten und durch den Mundschutz undeutlich, oft auch noch allein vom Balkon aus oder im Wohnzimmer. Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn sich das endlich wieder ändert und wir zusammen singen und musizieren dürfen, ohne uns vor einem Virus fürchten zu müssen.

Aber das Gute ist: eine Ansteckung mit dem Coronavirus lässt sich durch die Abstands- und Hygieneregeln wohl verhindern. Die frohe Botschaft von Gottes Liebe lässt sich dadurch nicht aufhalten. Hier ist Ansteckung jederzeit möglich. Auch mit Abstand.

Amen.

Helga von Niedner