"Unser tägliches Brot": Gottesdienst zum Erntedankfest am 4. Oktober 2020

Zum vorerst letzten Mal haben wir unseren Gottesdienst draußen vor der Christuskirche gefeiert. Am Erntedankfest am 4. Oktober waren fast alle Plätze belegt; erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie spielte der Posaunenchor wieder im Gottesdienst.

Erntedank in Corona-Zeiten? Können wir Gott danken für das, was dieses Jahr uns gebracht hat? Darum ging es in der Predigt von Pfarrer Moritz von Niedner.

Hier können Sie die Predigt anhören:
201004 Erntedank Unser tägliches Brot.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Unser tägliches Brot

Predigt zum Erntedankfest am 4. Oktober 2020

Liebe Gemeinde!

Erntedank ist immer Gelegenheit, Bilanz zu ziehen – auch für die, die nicht von der Landwirtschaft leben. Was hat dieses Jahr uns eingebracht? Diese Bilanz fällt naturgemäß jedes Jahr ein bisschen anders aus, aber dieses Jahr war und ist doch ein sehr spezielles.

Über ein halbes Jahr bestimmt nun schon die Corona-Krise unser Leben und Arbeiten. Die Pandemie und die Schutzmaßnahmen sind bei vielen Menschen an die Existenzgrundlagen gegangen. Wirte und Clubbetreiber mussten zusperren. Viele Arbeitnehmer mussten in Kurzarbeit gehen. Der Doppeleinsatz mit Kinderbetreuung und Home Office hat viele Eltern an den Rand der Verzweiflung gebracht. Landwirte konnten die Ernte nicht einbringen, weil Helfer nicht einreisen durften.

Verständlich, wenn manchen da nicht zum Feiern zumute ist.

Im Vaterunser beten wir: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Und was das heißt, tägliches Brot, das hat Martin Luther im Kleinen Katechismus erklärt:

„Was heißt denn tägliches Brot? Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Tägliches Brot ist also das, was wir zum Leben brauchen. Und dann nennt Martin Luther eine ganze Liste von Beispielen, fast wie eine Checkliste zum Abhaken. Also, dann lassen Sie uns doch einen kleine Faktencheck machen: Wie ist das in Corona-Zeiten mit unserem täglichen Brot? Haben wir trotz Corona Grund zum Danken?

Luther beginnt mit den Dingen des täglichen Bedarfs: Nahrung und Kleidung, und wenn wir an die Anfangszeit von Corona denken, dann würden wir vielleicht ergänzen: Klopapier. Ja, das war auf einmal knapp, genauso wie Nudeln und Hefewürfel – aber nicht, weil es zu wenig davon gab, sondern weil viele Leute in Panik ihren Jahresvorrat eingekauft hatten. Bei uns waren die Supermärkte immer offen, und trotz gelegentlicher Engpässe waren die Regale gut gefüllt. Gott sei Dank!

Als nächstes nennt Luther das Haus. Sicher, vielen sind die eigenen vier Wände auf einmal sehr eng erschienen, vor allem während der Ausgangsbeschränkungen im Frühling. Aber richtig schwer hatten es die Obdachlosen, deren Notunterkünfte geschlossen waren. Wir, die wir hier sitzen, haben alle ein Dach über dem Kopf. Gott sei Dank!

Dann kommt: „Hof, Acker Vieh, Geld, Gut“, also das, womit Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wir müssten ergänzen: einen Arbeitsplatz, und für die Menschen im Homeoffice: einen Laptop und schnelles Internet. Ja, wie anfangs gesagt, hier hat der Lockdown viele wirklich kalt erwischt, manche wirklich existentiell. Aber es gab auch viel Unterstützung, und damit meine ich nicht nur Kurzarbeitergeld und Soforthilfen, nein, die verhinderten Gäste haben Restaurant-Gutscheine gekauft oder sich das Essen abgeholt, Musiklehrer haben online unterrichtet, überhaupt sind Menschen kreativ geworden.

Hungern musste jedenfalls kaum jemand. In unserer tansanischen Partnerdiözese Mwanga zum Beispiel, da war das durchaus anders: Dort arbeiten viele Menschen als Tagelöhner – die konnten während des Lockdown ihre Familie nicht ernähren, dazu kam auch noch eine Flutkatastrophe, die die Ernte vernichtet hat.

Luther macht weiter und zählt auf: „fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen“. Wir würden heute sagen: die Mitglieder des eigenen Hausstands. Da ging es jetzt sicher nicht immer und überall so fromm zu, kein Wunder, wenn man sich den ganzen Tag gegenseitig auf der Pelle hockt. Aber es gab eben auch Familien, die in dieser gemeinsamen Zeit ihr Familienleben neu entdeckt haben, haben mal wieder miteinander geredet, gemeinsam was gespielt. Und viele Kinder, die sonst genervt waren vom kleinen Bruder oder der großen Schwester, die waren auf einmal heilfroh, dass sie keine Einzelkinder sind. Gott sei Dank!

Schwierig war es für viele Alleinstehende, vor allem für die Älteren, für die Menschen im Krankenhaus und im Seniorenheim, die keinen Besuch bekommen durften, und zum Teil ist es immer noch so. Aber die meisten waren und sind eben nicht allein: Das Personal in den Heimen ist da, liest vor oder spielt eine Andacht vom Band ein. Enkel schreiben Briefe und telefonieren. Auch wenn der körperliche Kontakt nicht möglich war – ein Verbot von Sozialkontakten hat es nie gegeben.

In seinen Beispielen verlässt Luther nun den Privatbereich, er nennt „fromme und treue Oberherren“ und „gute Regierung“, also für uns heute: der Staat.

Ja, auch hier scheinen viele Menschen in unserem Land nicht viel Grund zum Danken zu sehen. Viele finden die Schutzmaßnahmen übertrieben, sie fühlen sich vom Staat gegängelt oder unterstellen sogar eine Verschwörung. Und es hat ja auch wirklich drastische Einschränkungen gegeben, manches kann man auch durchaus hinterfragen. Aber zum einen muss man fairerweise zugestehen, dass auch unsere Regierenden eine Lernkurve haben – eine solche Situation hat es schlicht noch nicht gegeben. Und ein zweites: Wir sind doch bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen – auch dank der staatlichen Maßnahmen. Wenn ich morgens die Zeitung aufschlage, dann geht mein erster Blick oft auf die Seite mit den Corona-Zahlen weltweit. Und wenn ich sehe, wie Politiker in anderen Ländern den Ernst der Lage ignorieren oder schlicht überfordert sind – dann muss ich ehrlich sagen, da bin ich doch sehr dankbar für „gute Regierung“.

Dann kommt bei Luther „gut Wetter“. Das ist natürlich Ansichtssache, hier hat die Bäuerin möglicherweise andere Interessen als der Strandurlauber. Dass Dürreperioden oder Überschwemmungen die Ernte vernichten, kam auch zu Luthers Zeit mal vor. Durch den Klimawandel häufen sich diese Extreme – das bedroht unsere ganze menschliche Existenz. Dass es nicht so weit kommt, das haben wir jetzt vielleicht noch selbst in der Hand. Erntedank heißt hier: Wir müssen unseren Lebensstil überdenken – damit wir auch in Zukunft noch Grund zum Erntedank haben.

Aber noch mal zum Wetter: Seit 17. Mai haben wir alle zwei, drei Wochen hier draußen Gottesdienst gefeiert – fast immer bei Sonnenschein! Was soll man dazu sagen? Ich würde vorschlagen: „Gott sei Dank!“

Seit 75 Jahren genießen wir „Frieden“ – auch das zählt für Luther zum täglichen Brot. Vor vor 30 Jahren war die Wiedervereinigung – das Ergebnis einer friedlichen Revolution. Was mir schon Sorge macht, das ist die Unversöhnlichkeit und der Hass gegenüber Menschen, die eine andere Hautfarbe, Religion oder einfach nur eine andere Meinung haben, und als Christinnen und Christen müssen wir da klar widersprechen. Aber im Allgemeinen klappt es bei uns mit dem friedlichen Zusammenleben doch sehr gut. Gott sei Dank!

Als nächstes zählt Luther die „Gesundheit“ auf. Über den Wert der Gesundheit muss ich nicht viel sagen – aber vielleicht über den Wert eines funktionierenden Gesundheitssystems. Jahrelang hieß es, unseres sei zu teuer und zu üppig ausgestattet – jetzt ist man heilfroh, dass man doch die eine oder andere Intensivstation noch nicht dichtgemacht hat. Bilder wie in Italien, wo verzweifelte Ärzte entscheiden mussten, wer beatmet wird und wer stirbt, wo nachts Militärlaster mit Särgen durch die Stadt fuhren, die sind uns erspart geblieben – auch hier wieder: Gott sei Dank!

Dann nennt Luther „Zucht“ und „Ehre“, wir könnten auch sagen: Anstand und Moral. Und natürlich lassen sich genügend Beispiele dafür finden, wie Menschen in Corona-Zeiten vor allem erstmal an sich selbst gedacht haben, Stichwort Klopapier und Nudeln. „In der Krise beweist sich der Charakter“, hat Helmut Schmidt mal gesagt. Und ich würde mal sagen, die allermeisten haben Charakter bewiesen, sind für andere einkaufen gegangen, haben Alleinstehende angerufen, haben in Krankenhäusern und an Supermarktkassen ihren Dienst getan und und und…

Sie waren und sind ganz einfach „gute Freunde“ und „getreue Nachbarn“.

Mit denen schließt Luther seine Aufzählung.

Und damit schließe ich jetzt auch.

Nur eins noch: Vielleicht finden Sie, dass das jetzt alles ein bisschen sehr positiv rüberkommt mit Corona. Und dass der da vorne gut reden hat mit seinem sicheren Gehalt, mit einem großen Haus und großem Garten. Ja, mir ist völlig klar, dass es Menschen gibt, die der Corona-Zeit kein bisschen Positives abgewinnen können.

Aber eins ist mir wichtig, gerade heute an Erntedank: dass wir gerade in schwierigen Zeiten nicht den Blick dafür verlieren, was Gott uns jeden Tag schenkt. Dass wir uns daran erinnern, dass wir alle auf Zuwendung angewiesen sind. Und dann können wir wiederum uns denen zuwenden, denen das Nötigste fehlt. Dann können wir weiter Vorsicht und Rücksicht walten lassen – weil Gott eben nicht nur unser Bestes will, sondern auch das unserer Mitmenschen.

Ja, auch an Erntedank dürfen wir vor Gott bringen, was uns fehlt. Aber gerade mit dieser Dankbarkeit im Hinterkopf können wir Gott umso bewusster bitten – in dem Vertrauen darauf, dass Gott uns gibt, was wir brauchen.

Gott sei Dank!

Pfarrer Moritz von Niedner