"Vom Sehen und Gesehenwerden": Gottesdienst am 2. August 2020

Trotz der schlechten Wetterprognose kamen 30 Menschen zum Freiluftgottesdienst am 2. August - und genossen eine Stunde in strahlendem Wetter vor der Christuskirche. In der Predigt von Pfarrerin Helga von Niedner ging es darum, dass Gott unsere Not sieht und uns die Augen für die kleinen und großen Wunder des Alltags öffnet.

Hier können Sie die Predigt anhören: 200802 8nTr Sehen und gesehen werden.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Vom Sehen und Gesehenwerden

Predigt zum 8. Sonntag nach Trinitatis

am 2. August 2020

„Vom Sehen und gesehen werden“, so könnte man den Predigttext für den heutigen 8. Sonntag nach Trinitatis überschreiben. Er steht im Johannesevangelium im 9. Kapitel:

Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah - das heißt übersetzt: gesandt - und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde!

Ums Sehen geht es in dieser Geschichte, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Als erstes sieht Jesus den Blinden. Er schaut nicht weg, als er ihn da sitzen sieht, wahrscheinlich bettelt der Arme draußen vor dem Tempel – als Behinderter darf er nicht rein. Die meisten Leute, auch die Jünger, reagieren anders: sie schauen lieber weg. Sie wollen das Leiden des Blinden nicht mit ansehen. Und sie suchen nach einem Schuldigen: es muss doch einen Grund dafür geben, dass der Mann blind ist – wahrscheinlich hat er es nicht anders verdient.

Jesus interessiert sich dafür gar nicht. Niemand hat sein Schicksal verdient – weder Gutes noch Schlechtes. Und manches Los ist so hart, dass man damit nicht alleine fertig wird. Darum geht es: Jesus sieht die Not des Blinden. Weil Gottes Herz für die Benachteiligten schlägt, für die, die auf Hilfe angewiesen sind, wird der Blinde geheilt. Endlich kann er sehen – eine neue Welt tut sich für ihn auf.

Der Blinde war nicht schuld daran, dass er blind war, und er hat es sich auch nicht verdient, dass er wieder sehen kann. Das Leben ist nicht gerecht. Es gibt Schicksale, die machen einfach sprachlos, und es ist schwer, dahinter einen Gott zu erkennen, der es gut mit uns meint. Aber es ist eben nicht so, dass Gott uns etwas schuldig wäre; wir haben keinen Anspruch auf ein Leben ohne Tiefen und ohne Schicksalsschläge. Das gehört zum Leben dazu, so wenig uns das auch gefällt.

Der Blinde kann wieder sehen – und dann gehen ihm die Augen gleich im doppelten Sinn auf. Die Heilungsgeschichten in der Bibel werden ja nicht nur deshalb erzählt, weil es toll ist, wenn jemand wieder gesund wird oder plötzlich sehen kann. Diese Geschichten richten auch den Blick auf Gott. Den Menschen (und zwar nicht nur den Geheilten) sollen die Augen aufgehen, damit sie erkennen: was sie zum Leben brauchen, das bekommen sie von Gott.

Es ist Gott nicht egal, wie es uns geht. Dass nicht jedes Schicksal gleich leicht zu tragen ist, versteht sich von selbst. Gott verlangt auch nicht, dass wir es alleine tragen. Er sieht unser Schicksal und begleitet uns. Sein Herz schlägt gerade für die, die es nötig haben, da sieht er ganz besonders gründlich hin.

Für den Blinden fängt mit dem Tag seiner Heilung ein neues Leben an. Ich stelle mir vor, dass er das nicht für sich behalten wollte – die Geschichte ist so unglaublich, dass er sie bestimmt überall erzählen wollte. Nicht nur, dass er wieder sehen kann; sondern auch, dass Gott es war, der ihn geheilt hat.

Im Wochenspruch für diese Woche heißt es „Wandelt als Kinder des Lichts!“ Das heißt: das Christsein darf man einem Menschen ruhig ansehen! Niemand muss mit einem frommen Dauerlächeln auf dem Gesicht durch die Gegend gehen. Aber als Christinnen und Christen haben wir nichts zu verstecken – auch wenn es manchmal vielleicht ein wenig Mut braucht, über den eigenen Glauben zu reden. Ich finde, man darf es uns ruhig ansehen, woran wir glauben und was uns im Leben wichtig ist. „Die Christen müssten mir erlöster aussehen“, hat Friedrich Nietzsche einmal gesagt. Und da hat er schon recht: es wäre toll, wenn wir etwas von dem Gottvertrauen ausstrahlen würden: das, was wir im Leben wirklich brauchen, das bekommen wir von Gott.

Das, was das Leben uns bringt, ist weder Quittung für Böses, was wir getan haben, noch Belohnung für gute Taten. Es ist das, was Gott uns schenkt, ungefragt – auch wenn wir wahrscheinlich nicht alles als Geschenk ansehen, sondern manchmal als Bürde oder Belastung. Auf jeden Fall liegt es nicht an uns, was wir bekommen. Aber es liegt an uns, damit zu leben, daraus etwas zu machen.

Der Blinde erlebt, dass Jesus ihn ansieht und sich um ihn kümmert. Er hat sicher nicht verstanden, was passiert, als Jesus ihm irgendeinen Brei auf die Augen schmiert, wahrscheinlich war es ihm ein bisschen unheimlich. Trotzdem geht er zu dem Teich und wäscht sich das Gesicht, wie Jesus gesagt hat. Er vertraut ihm und tut das Seine dazu – dann erst geschieht das Wunder, und er kann wieder sehen.

Dass wir sehen lernen, wo Gott in unserem Leben wirkt, das wünsche ich uns: dass wir die kleinen und großen Wunder des Alltags sehen und nicht nur auf glückliche Zufälle schieben; und dass wir uns auch dann, wenn wir Schweres zu tragen haben, an Gott halten. Er sieht uns und lässt uns nicht im Stich.

Amen.

Helga von Niedner