"Warten": Andacht zum Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020

Seit Wochen warten wir darauf, dass wieder so etwas wie Normalität einkehrt. Auch die Bibel ist voller Geschichten von Menschen, die auf bessere Zeiten warten. Aber Gott verspricht:Das Warten lohnt sich - so wie es ist, wird es nicht bleiben. Darum geht es in der Andacht von Pfarrerin Helga von Niedner zum Sonntag Exaudi.

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200524 Exaudi Andacht Warten.mp3

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Warten

Andacht zum Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020

Überall muss man zur Zeit warten: ob man beim Bäcker Brötchen holen oder am Wertstoffhof seine Abfälle loswerden will oder ob man sich um einen Friseurtermin bemüht – fast alles ist mit Wartezeiten verbunden. Kein Wunder – es kostet einfach Zeit, Hygieneregeln und Abstandsgebote einzuhalten. Die allermeisten haben Verständnis dafür und stellen sich geduldig in die Schlange – mit Abstand, versteht sich.

Eigentlich warten wir ja seit Wochen auf viel mehr: darauf, dass nicht mehr ein kleines, unsichtbares Virus unseren kompletten Alltag beherrscht und dass endlich wieder so etwas wie Normalität einkehrt. Die Kinder warten darauf, dass sie zur Schule gehen dürfen (wer hätte das gedacht!). Die Berufstätigen warten auf den Tag, an dem die Kurzarbeit oder das Arbeiten im Home-Office ein Ende hat und sie wieder in den Betrieb zurück können. Die Alten und Kranken warten darauf, dass Besuchsverbote aufgehoben werden und es endlich mehr gibt als Kontakt über Telefon oder durch das Fenster. Wir warten darauf, dass wir ohne Einschränkungen einkaufen, ins Konzert, in den Biergarten oder in den Gottesdienst gehen können. Und so sehr wir uns an die Schlangen vor dem Geschäft gewöhnt haben – im großen Stil fällt das Warten zunehmend schwer. Viele werden ungeduldig, verlangen mehr Lockerungen, am liebsten sofort. Sie wollen nicht mehr warten.

Auch Glauben hat viel mit Warten zu tun. Wer glaubt, erwartet etwas von Gott: dass er endlich eingreift, dass er zu seinen Verheißungen steht und wahr macht, was er versprochen hat. Denn die Welt ist nicht so, wie sie nach Gottes Willen sein soll. Auch wer glaubt, muss das aushalten.

Der Sonntag Exaudi, eine Woche vor Pfingsten, verdankt seinen Namen dem Psalm 27. „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“ Da wendet sich jemand an Gott, der genau diese Erfahrung kennt: für ihn läuft es im Leben nicht so, wie es sein soll. Aber er bittet Gott, dass er ihn hört und sein Elend ansieht. Er erwartet von Gott, dass er hilft.

Die Bibel ist voll von Geschichten über Menschen, die auf bessere Zeiten warten – und die von Gott erwarten, dass er dafür sorgt. Im Alten Testament wird vom Exil in Babylon erzählt. Für das Volk Israel war das die größte Krise, die sie bis dahin erlebt hatten. Jahrzehntelang lebten sie unter der Herrschaft anderer Völker, verschleppt in fremde Länder. Sie sehnten sich danach, endlich nach Israel zurückzukehren. Das ließ so lange auf sich warten, dass manche schon fast die Hoffnung aufgegeben hätten. Da meldet sich ein Prophet zu Wort, Jeremia. Er macht den Menschen im Exil Mut. Er sagt: „Siehe, es kommt die Zeit!“ Es bleibt nicht ewig so, wie es jetzt ist. Gottes Verheißungen sind noch nicht erfüllt. Aber das Warten lohnt sich. Erwartet von Gott, dass er euch erhört und hilft. Denn genau das hat er ja versprochen. Und wer darauf vertraut, der kann warten – auch wenn es schwerfällt.

Die Israeliten im Exil warteten darauf, in die Heimat zurückzukehren. Wir warten auf Nachrichten, die Hoffnung machen: dass bald ein Impfstoff gefunden wird, dass wir keine Angst vor einer Infektion haben müssen, dass wieder Normalität einkehrt. Das, was Gott verspricht, ist noch viel mehr: dass alles so wird, wie es nach seinem Willen sein soll. Dass wirklich alles endlich gut wird. Noch müssen wir darauf warten. Ungeduldig, aber doch voller Vertrauen. „Siehe, es kommt die Zeit!“.

Amen.

Helga von Niedner