"Zurück ins Leben": Kirchweihgottesdienst am 17. Mai im Freien

Zum ersten Mal seit neun Wochen wieder ein Gottesdienst: Am 17. Mai 2020 haben wir vor der Christuskirche die Kirchweih der Christuskirche vor 66 Jahren gefeiert. Auf den knapp 40 vorbereiteten Sitzplätzen fanden die mehr als 20 Gottesdienstbesucherinnen und -besucher auch mit Sicherheitsabstand ausreichend Platz, ein paar Nachbarn feierten den Gottesdienst vom offenen Fenster aus mit.

Im Mittelpunkt der Predigt stand die Geschichte vom Zöllner Zachäus, den Jesus vom Baum und ins Leben der Gemeinschaft zurückholt.

Hier können Sie den Live-Mitschnitt der Predigt anhören:

20200517 Kirchweihgottesdienst Predigt.mp3

Hier können Sie die Predigt nachlesen:

Zurück ins Leben

Kirchweih-Predigt am 17. Mai 2020 vor der Christuskirche

Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

(Lukas 19,1–10)

Liebe Gemeinde,

was hat diese Geschichte mit Kirchweih zu tun? Ein Gotteshaus taucht hier kein einziges Mal auf, auch von einen Gottesdienst ist nicht die Rede.

Stattdessen geht es um Zachäus. Einen Zöllner. Also einen, der mit den römischen Besatzern zusammenarbeitet. Der außerdem schamlos die Hand aufhält und die Leute abkassiert. Mit so einem hatte keiner freiwillig zu tun.

Und ausgerechnet zu so einem kommt Jesus nach Hause. Gott kehrt also bei einem ausgemachten Sünder ein.

Wie hat Zachäus das eingefädelt? Ist es vielleicht so gelaufen wie im US-Wahlkampf: Gegen eine kleine Spende von ein paar zehntausend Dollar bekommt man ein Dinner mit dem Kandidaten? Oder hatte Zachäus einfach einen so wichtigen Posten in Jericho, dass Jesus an ihm nicht vorbei kam?

Nein, Zachäus bekommt diesen Besuch nicht, weil er sich das gekauft oder verdient hätte. Sondern damit sein Leben wieder heil wird. Damit er wieder ins Leben zurückkehrt. Damit er Gottes Liebe erfährt, die aus ihm einen neuen Menschen machen kann.

Darum haben die evangelischen Christinnen und Christen in Auerbach vor 66 Jahren unsere Christuskirche gebaut: um einen Ort zu schaffen, an dem Gott einkehren kann – in der Hoffnung, nein, in dem Vertrauen, in der Gewissheit: Hier will Gott zu Gast sein.

Und auch zu uns kommt Gott nicht, weil wir ihm ein Angebot machen würden, das er nicht ablehnen kann, zum Beispiel eine große, prächtige, beeindruckende Kirche. Wir können Gott mit sowas nicht imponieren, wir haben das vorhin in der Lesung gehört: Gott ist größer als Himmel und Erde – was ist da schon ein Haus, so prächtig es auch sein mag.

Gott kommt nicht, weil er muss; Gott muss gar nichts. Er kehrt bei uns ein, weil wir ihm wichtig sind – seine Liebe treibt ihn hin zu uns Menschen.

Gott kommt zu uns. Und als Gastgeschenk bringt er sich selbst mit: die frohe Botschaft seiner Liebe und die Zeichen seiner Nähe, im Wasser der Taufe, in Wort und Musik, in Brot und Wein.

Gott will bei uns einkehren. Und weil Gott unfassbar weit ist, können wir ihm nicht nur in der Kirche begegnen. Viele haben in den letzten Wochen abends um 19 Uhr eine Kerze angezündet und das Vaterunser gebetet – Gott war da. Viele haben Andachten und Gottesdienste im Internet, im Fernsehen, im Briefkasten, in der Zeitung angeschaut, angehört, nachgelesen – Gott war da. Viele haben unseren Familien-Posaunenchor gehört sonntags hier vor der Kirche und an Ostern vom Turm – Gott war da. Und all das wird es auch weiterhin geben, auch wenn wir jetzt wieder alle zwei Wochen Gottesdienst feiern.

Jesus kommt zu Zachäus, und der wird ein neuer Mensch. Und auch bei uns kehrt Jesus ein, damit wir neue Menschen werden. Damit wir ins Leben zurückkehren. Und das ist etwas, was wir uns in diesen Tagen besonders wünschen: dass wir ins Leben zurückkehren, in unser gewohntes Leben, in unser gewohntes Gemeindeleben.

Ein bisschen ist dieser Wunsch mit diesem Gottesdienst schon in Erfüllung gegangen. Und wir freuen uns heute schon auf den Tag, an dem wir wieder in die Christuskirche gehen können und mit vielen Menschen einen Gottesdienst dort feiern.

Denn auch wenn Gott sich nicht in ein Haus sperren lässt – es gibt eben doch Orte, da will sich Gott besonders finden lassen. Und ein solcher Ort ist unsere Christuskirche – ein Ort, an dem Gott uns nahe sein will, seit inzwischen 66 Jahren. Gott sei Dank!

Amen.

Pfarrer Moritz von Niedner